Autor: n.h.
 Wellblech, Riffelblech, Gitterblech, Stahlrohr "Frikadelle" - nur etwa fünfeinhalb Stunden dauerte die Fahrt in die hessische Landeshauptstadt, so dass noch Zeit blieb, ein wenig kulturelle Weiterbildung bei einem sogenannten Metzger - also Fleischer - zu betreiben. Und dort erfuhr man, dass jene Fleischbälle, die mancherorts "Bulette", "Fleischpflanzerl", "Grillette" oder andere Blödsinnsnamen tragen, auf den gleichen Namen wie in Kiel hören würden, wenn sie Ohren hätten.
Im Stadion, einem mit Stahlrohr zusammengehaltenen Traum aus Well-, Riffel- und Gitterblech, dann für den Schreiber die gleiche Enttäuschung, wie sie auch süddeutsche Gäste im Holsteinstadion haben, die sich auf Fischbrötchen freuen: Kein Äppelwoi! Das fehlende Gute-Laune-Getränk, lausige Temperaturen und ein Gästeblock mit dem Charme der früheren innerdeutschen Grenze blieben leider nicht die einzigen Unterschiede zur wirklich großartigen Auswärtstour ins 50km entfernte Offenbach:
Aus Sicht der vielleicht 150 angereisten Kieler war da noch ein Spiel, das einen kaum vom Hocker gehauen hat und nichts zählbares gebracht hat.
Dabei sah es zumindest nach der ersten Halbzeit danach aus, dass sich Holstein wenigstens einen Auswärtspunkt sichern könnte, denn die Partie mit wenig Chancen auf beiden Seiten schien auf ein torloses Remis hinauszulaufen. Nach der Pause und insbesondere nach Einwechslung von Guscinas konnte man immerhin eine kurze Sturm- und Drang-Phase erleben, die dann leider unglücklich im Elfmeter gegen Kiel mündete. Wer sich nun mehr Spannung und ein Kieler Aufbäumen erhofft hatte, wurde leider enttäuscht, denn wenige Minuten nach dem 1:0 war es ein individueller Abwehrfehler, der zum Wehener 2:0 und damit zur Vorentscheidung führte. War die Stimmung im Gästeblock sowieso an diesem Tag nicht die beste und hatte man es vielleicht auch aus Langeweile ab und an vorgezogen, sich mal wieder am Kieler Sicherheitsbeauftragten abzuarbeiten statt die Mannschaft zu supporten, so war die Stimmung am Ende gepflegt im Keller. Dementsprechend mager fiel auch der Torjubel in der 90. Minute aus - etwa 10 Sekunden nach dem Wiederanpfiff war das Spiel dann sowieso vorbei.
Wirklich überzeugt von dem Kieler Auftritt war wohl weder der Anhang, noch die Spieler und nicht zuletzt der neue Trainer Christian Wück, der in seiner eigenen Analyse von einer "sehr ungenügenden" Leistung der Offensive spricht. Wirkliche Katastrophenstimmung mag aber derzeit nur bei denjenigen aufkommen, die mit unrealistischen Erwartungen in die Saison gestartet waren. Für die Vorgabe "50 Punkte+X", die hier vor dem ersten Spieltag zu lesen war, würden bei drei Heimsiegen bis zum Beginn der Rückrunde am 12. Dezember noch drei Punkte fehlen, um bei 25 Punkten zu landen. Nicht einfach, aber auch nicht unbedingt unrealistisch. Solange Kiel über dem Strich bleibt, kann man sich damit bestens arrangieren.
Nach dem Spiel sorgte dann nicht nur ein etwas übermotivierter Roland-Koch-Untergebener für etwas Erheiterung, denn alle möglichen Leute wurden durch die sinnlos am Stadionausgang drapierte Polizeikette durchgelassen, nur nicht die Fanbetreuer-Autobesatzung mitsamt dem pudelmützentragenden Schreiber (sehen so neuerdings Hooligans aus?), sondern auch der Äppelwoi, der dann beim nahegelegenen Real-Markt besorgt wurde. Gegen 23 Uhr hatte dann auch endlich der Fahrer "Feierabend" in Kiel - und Gerüchten zufolge kann man dies dann auch wörtlich nehmen...
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