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SHFV-Pokal 2010: Holstein Kiel - VfB Lübeck
Schafft Kiel die Pokal-Überraschung?
13. Mai 10
Autor: n.h.
4.6.2008, 90. Minute
"Der Pokal hat seine eigenen Gesetze": Gemeint ist, dass in der Vergangenheit Dörfer und Kleinstädte wie Vestenbergreuth, Geislingen oder Eppingen dadurch bundesweite Aufmerksamkeit auf sich zogen, dass ihre hoch motivierten unterklassigen Fußballteams vermeintliche Favoriten wie den FC Bayern oder den HSV aus dem DFB-Pokal kegelten. Und auch der VfB Lübeck verhalf seiner Heimatstadt - einer Randgemeinde Hamburgs, die ansonsten allenfalls durch den zweiten Hamburger Flughafen überregional ein Begriff ist - 2004 mit dem Halbfinal-Einzug zu einer kurzzeitigen Popularität. Schon unter normalen Umständen wäre es also keine große Überraschung, sollte der unterklassige VfB am Freitag die ligahöhere Mannschaft aus der Landeshauptstadt schlagen.
Dass der Pokal eigene Gesetze hat, hat der Schleswig-Holsteinische-Fußballverband (SHFV) indes im laufenden Pokalwettbewerb auf seine Weise bewiesen und einfach die Regeln vordergründig zugunsten Kiels geändert - was aber in Wirklichkeit ein Geschenk an das Team aus der am gleichnamigen Autobahnkreuz gelegenen Stadt war.
Denn die vermeintliche Ungerechtigkeit und Übervorteilung Kiels als Austragungsort mobilisiert nun die gesamte Stadt, so dass nun mit etwa 1300 Lübeckern im Holsteinstadion zu rechnen ist, die ihre Farben unterstützen wollen. Holstein Kiel steht - ungewollt oder mindestens unverschuldet - als Nutznießer eines angeblichen Landeshauptstadt-Klüngels auf Funktionärsebene da und hat irgendwie schon moralisch verloren. Dass man diese defacto Benachteiligung Kiels in Lübeck nicht durchschaut, mag nicht verwundern: die Stadt hat sich vom geistigen Aderlass durch den Wegzug Thomas Manns und der Emigration Willy Brandts nach Oslo im Jahr 1933 nie wirklich erholt.
Hätte das Spiel regelkonform und fair auf der Lohmühle stattgefunden, so hätte es einerseits in Lübeck wohl kein Schwein außer den üblichen Verdächtigen interessiert. Andererseits hätte man als Holsteinfan den Vatertag verlängern können und vielleicht eine Bollerwagenkarawane in den Osten organisiert - der letzte Vatertagsausflug im Dezember '08 auf die nicht ganz alkoholfreie Haupttribüne ist dem Schreiber noch größtenteils in bester Erinnerung. Oder man hätte Lübeck wieder mit einer - vermutlich aus Landesmitteln finanzierten - Flugzeugchoreo wie im Jahr 2005 demütigen können. Leider fehlt dieser Anreiz, sich woanders wieder auf Kosten anderer amüsieren zu können, für den Holsteinfan nun völlig.
Was das sportliche angeht, hat Lübeck die klare Favoritenrolle - auch im Lübecker Fanforum glaubt keiner an eine "Überraschung durch die Hässlichen" (gemeint ist damit Kiel) und es werden bereits Lieder auf den grün-weißen Sieg gedichtet. Auf Kieler Seite regiert hingegen Sarkasmus und Fatalismus ob der völlig vergeigten Saison. Der laut Medienberichten sicher geglaubte Liga3-Durchmarsch mit einem Rekordetat, den selbst Real Madrid nur durch gefälschte Bankbürgschaften hinbekommen hätte, erwies sich letztlich als ein Dubaier Unterwasserhotel. Zudem sitzt der Großteil des zusammengekauften und überteuerten Kieler Kaders sowieso schon auf gepackten Koffern, da das Land Schleswig-Holstein der KSV wegen der aktuellen Steuerausfälle nicht mehr so viel (in Lübeck erwirtschaftetes!) Geld zum Verprassen in den Rachen werfen kann, von dem dann freilich wegen Insolvenz nur ein kleiner Teil zurück gezahlt wird. Folglich müsste da also eine völlig demotivierte und chancenlose Truppe für Kiel auf dem Rasen stehen, die im eigenen Stadion ein Auswärtsspiel bestreitet.
Aber da wird die Sache dann doch irgendwie interessant: Wenn es denn Mainstream ist, am Freitagabend für Lübeck zu sein, dann ist man als Holsteinfan eben Avantgarde & Underground. Oder wie es in dem bekannten Zitat von Wolf von Lojewski heißt: "Es ist eben leicht, Fan von Bayern München oder vom HSV zu sein. Aber Holstein ... da brauchst Du seelische Kraft!". Es ist also geradezu Holsteinfan-Pflicht, sich das anzutun.
Und wer weiß? Der Pokal hat ja seine eigenen Gesetze (s.o). Vielleicht verleiht die Underdog-Rolle dem Team in Blau-Weiß-Rot ja Flügel und reißt die vielleicht doch nicht gänzlich abwesenden Holsteinfans mit. Und es ist ja immer noch nicht ganz ausgeschlossen, dass bei Holstein in der nächsten Saison Leistung statt Verkaufstalent belohnt wird und demzufolge ein rundum sympathisches Team, das im Kern aus der jetzigen U23 mitsamt Trainer (Apropos: Pro Fröhling!), ergänzt durch weitere Talente und einige erfahrenene Spieler, im DFB-Pokal mitmischen würde. Was natürlich eine sehr feine Sache wäre.
Und im übrigen ist es eine Sauerei Hoch Drei vom SHFV, dass man sich so auf die Seite Lübecks geschlagen hat!!!
Der holstein-block.de-Schreiber, der sowieso immer am liebsten auf der Seite der Kleinen kämpft, tippt, dass die Überraschung klappen wird: 1:0 Kiel, 90 Minute. Und dann über Lübeck lachen.