Autor: Jane_Doe
 'negative Ausnahme ...' Nordsport 8.9.08 Worüber spricht man in Schleswig-Holstein? Diese Frage will die Nordsport Woche für Woche beantworten. Meistens übernimmt diese Aufgabe der Chefredakteur Christian Jessen, dieses Mal versuchte mit Jürgen Muhl, Geschäftsführer der Sportpresse Nord, ein noch prominenterer Vertreter eine Antwort auf diese Frage zu geben.
Auch ohne die (zu erwartende) entsprechende Kennzeichnung weiß zumindest der/die eingefleischte Leser_in, dass es sich bei „Darüber spricht man in Schleswig-Holstein…“ um eine Kolumne bzw. Kommentar - also um einen Meinungsbeitrag - des jeweiligen Autors handelt.
Was meint nun der Herr Muhl, worüber man in Schleswig-Holstein spricht? Unter anderem liest sich das in Auszügen so:
„ […] Bei den wenigen Zuschauern [vom SV Henstedt-Rhen] handelt es sich durchweg um vernünftige Fußball-Freunde. Lediglich bei Auswärtsspielen von Holstein Kiel ist Vorsicht geboten. Aber auch immer nur dann, wenn die Liga spielfrei hat und diese "Verrückten" dann die zweite Mannschaft begleiten, um sich bei den Gastgebern nicht von der besten Seite zu zeigen. So wie in der letzten Saison in Heide und Flensburg, so wie am Sonnabend bei Strand 08 in Timmendorf. Diese "Fans" sind aber die große und negative Ausnahme im Lande. […]“.
(Nordsport, 37/08, 08.09.08, S. 16)
Mal ganz abgesehen davon, dass unklar bleibt, woher diese Informationen stammen, und was genau vorgefallen sein soll (absolut unerklärlich ist Strand 08) sowie, ob das nun so alles stimmt oder nicht - mit anderen Worten bedeutet dies:
Wenn die erste Mannschaft spielfrei hat, eskaliert es immer bei Auswärtsspielen der zweiten Mannschaft von Holstein. Das war bei drei Spielen so, also i m m e r. Und das ist nur bei Holstein so, sonst nicht. Denn die Holstein-Fans sind a l l e verrückt. Und ihr Ziel ist es, sich ausschließlich von ihrer verrückten und schlechten Seite zu zeigen, nur deshalb begleiten sie die zweite Mannschaft auswärts.
Aha!
Als Fan hat man nun drei Möglichkeiten.
Resigniertes Kopfschütteln beim Umschlagen der Seite (möglicherweise auch zum letzten Mal einer Zeitungsseite der Nordsport), Wut – richtige Wut - oder Lachen. Am gesündesten wäre es vielleicht tatsächlich diesen Artikel auszuschneiden und an der Pinnwand in der Küche lauthals lachend eine „Hall of Holstein(-Fan)-Bashing“ einzurichten.
Das Problem ist nur, dass diese Einschätzung von Herrn Muhl jetzt für die Ewigkeit auf dem Zeitungspapier steht. Und jede_r die/der diese Kolumne liest, diese Meinungsäußerung möglicherweise auch unkritisch übernehmen kann. Denn worüber spricht man tatsächlich in fußballaffinen Teilen Schleswig-Holsteins? Auch darüber, was in der Nordsport steht. Und wenn man sich das in all seinen Konquenzen bewusst macht, dann bleibt einem das Lachen nicht nur sprichwörtlich im Halse stecken.
Die Schreiberin von Holstein-Block.de behauptet an dieser Stelle übrigens ausdrücklich nicht, dass wir alle zu jeder Zeit und überall mustergültige Chormädchen und –knaben sind. Es wird auch nicht erwartet, dass Journalist_innen für sie berichtenswerte „Vorfälle“ totschweigen. Aber sehr wohl kann man - insbesondere von einem Fußballfachblatt - erwarten, dass sowohl die Berichterstattung als auch die Meinungsbeiträge in differenzierter und gut informierter Weise erfolgen. Ohne Einseitigkeit! Ohne Pauschalisierung! Ohne Diffamierung! Ohne Stigmatisierung!
Diese undifferenzierte Art und Weise in dieser Kolumne ist nicht nur unangemessen und unwürdig, sondern auch kontraproduktiv. Letztlich passt sie aber sehr gut zum auf derselben Seite platzierten Foto – zwei Männer und eine Frau hinter einer Bande stehend - samt folgender Bildunterschrift: „Nur wenige Zuschauer verirren sich in der „Premium-Liga“ – wenigstens sind einige von ihnen verdammt attraktiv, so wie am Sonnabend diese Dame auf dem Cometplatz in Kiel“ (Nordsport, 37/08, 08.09.08, S. 16). Verdammt.
Dann ist ja auch alles nicht so schlimm…
Wenn der Schreiberin jedenfalls beim Heimspiel wieder ein „Noadspooaat“ im Werbeblock aus den Lautsprechern entgegenschallt, das ein wenig an einen gequälten Kermit erinnert, fühlt sie sich zunehmend wie eben dieser.
Nichts für ungut. Aber gut – gut war das auch nicht.
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