Autor: Jane_Doe
 Lag es an der Mannschaft ... Der Fußballtag begann feucht-fröhlich, da eine Dame mit
südholsteinischen Wurzeln ihren Junggesellinnenausstand gab und
uns so vor dem Stadion mit Prosecco und Erdbeeren versorgte. Ganz
amüsant war dabei anzusehen, wer denn so alles ein Sektglas in
der Hand hielt und gleichzeitig vehement darum bat, entsprechendes
Fotomaterial aus Imagegründen nicht ins Internet zu stellen.
Falls sich jemand noch Hoffnungen bei der jungen Dame gemacht haben
sollte: Der Zug ist nun endgültig abgefahren.
Dies gilt nun auch – man mag fast hinzufügen „endlich“
– für unsere KSV. Wir sind nun auch rechnerisch
abgestiegen. Und das haben wir uns auch redlich verdient.
Zum Spiel selbst gibt es an dieser Stelle nicht viel zu berichten.
Die Mannschaftsleistung war heute insgesamt schlichtweg eine
Respektlosigkeit gegenüber allen anwesenden Menschen im Stadion.
Bemerkenswert ist vielleicht noch, dass beide Erfurter Tore, die zum
absolut verdienten 1:2 führten, tatsächlich keine
Abseitstore waren.
Erschreckend war, dass ich nicht erschreckt war. Oder überrascht.
Es tat nicht mal richtig weh. Keine Tränen wie beim letzten Mal,
dabei hatte ich heut extra den wasserfesten Mascara benutzt. Aber so
ist das wohl, wenn man dem Verein, der Mannschaft und letztlich auch
sich selbst seit geraumer Zeit beim Drittliga-Sterben zusieht. Wenn
man sich gedanklich schon länger aus der Liga verabschiedet hat
und heute eigentlich nur ins Stadion gekommen ist, um abzusteigen.
„Ein Tod mit Ansage“, wie ein langjähriger
Holsteinfan heute sagte. Ein Tod, auf den man sich schon länger
hat einstellen können, allen Hoffnungsschimmern und
positiv-optimistischen Aussagen (zum Teil auch wider besseres
Wissen) zum Trotz. Nur irgendwo muss er ja hin, der Frust. Und die
Enttäuschung. Und die Wut. Und so flüchteten sich einige in
Pfiffe, andere in sarkastisch-ironische Gesänge und Polonäsen
und wieder andere in (in meinem Fall zusätzlich durch Prosecco
gedämpfte) Emotionslosigkeit.
Und es ist auch gar nicht so einfach mit dieser Wut. Auf wen oder
was soll man sie richten? Wer oder was trägt denn tatsächlich
die Verantwortung für diesen Sinkflug unserer Störche?
Woran lag oder liegt es, dass wir abgestiegen sind? Jede und jeder
von uns wird sich da die eigene Wirklichkeit konstruieren.
War die Zusammenstellung der Mannschaft – sowohl bzgl. der
Leistung und Positionen als auch bzgl. des Charakters – nicht
optimal? Waren die Entlassung Vollmanns und das Engagement von Götz
ein Fehler? War ein so langfristiger Vertrag für Götz mit
so vielen Freiheiten sinnvoll? Oder war die Entlassung von Götz
ein Fehler? Was wäre passiert, wenn man sich – wie in
vielen Unternehmen bei „bedeutsamen“ Abteilungen üblich
– während oder nach der ganzen Götz-Geschichte
professionelle Unterstützung in Form von Teamentwicklung und
Supervision geholt hätte? Hätten wir Fans und
Anhängerinnen und Anhänger uns irgendwie – und wenn
ja, wie – anders verhalten können? Haben sich die
Vereinsverantwortlichen zu lange von „Einflüsterern“
leiten und professionelle Strukturen schleifen lassen? Was wäre
passiert, wenn der Verein nach der Götz-Entlassung an Fröhling
festgehalten hätte? War oder ist Christian Wück der
richtige Mann zur falschen Zeit oder ist er einfach nur der falsche
Mann? Können die Spieler, die wollen, nicht? Wollen die Spieler,
die können, nicht? Was wäre passiert, wenn man sich von
Christian Wück doch vorzeitig getrennt hätte und auf einen
„neue-Besen“-Effekt gesetzt hätte? Gibt es überhaupt
einen Trainer, der diese Mannschaft hätte langfristig
erfolgreich trainieren können insbesondere mit dieser
Götz-Geschichte im Hintergrund? Wären wir erfolgreicher
gewesen, wenn es nicht den langen Winter oder diese Magen-Darm-Grippe
gegeben hätte? Hätte sich etwas geändert, wenn
Vereinsverantwortliche vor allem in der letzten Zeit ein wenig mehr
emotionale Betroffen- und Geschäftigkeit nach außen hin
vermittelt hätten? Liegt es auch an den verschenkten Punkten der
letzten Spiele durch die unterirdischen Leistungen der
Schiedsrichtergespanne? War die Entscheidung, anstehende
Vertragsverhandlungen auf Eis zu legen, richtig? Was wäre
passiert, wenn man sich nicht von Thom und Thomforde getrennt hätte
und die Position der Mannschaft so direkt oder indirekt nicht weiter
gestärkt hätte? Wurde die 3. Liga qualitativ
unterschätzt? Spieler und Trainer gingen, das Umfeld in den
letzten Jahren ist eine „konstante“ Variable –
liegt es daran und wenn ja, was ist „das Umfeld“? Was
wäre passiert, wenn man den Spielern die Möglichkeit
gegeben hätte, sich psychologische Unterstützung zu holen,
etwa um Drucksituationen besser zu bewältigen und motivational
zu arbeiten? Hätte eine von der aktiven Fanszene geforderte
Ablösung des Sicherheitsbeauftragten aus politischen Gründen
vielleicht doch Sinn gemacht, damit sich so alle wieder auf das
Wesentliche hätten konzentrieren können? Hätte man
andere – und wenn ja, welche – Spieler als Verstärkung
verpflichten müssen? Hätte ein Image, das in der
Außenwahrnehmung mehr von Sympathie und Bodenständigkeit
geprägt wäre als von Abgehobenheit, vielleicht zu einer
breiteren Unterstützung der Kielerinnen und Kieler geführt?
Hätte man an anderen Spieler – und wenn ja, welchen –
festhalten müssen? Waren die Systemumstellungen unter Wück
wirklich immer notwendig oder trugen sie zur Verunsicherung bei?
Hätte man sich von anderen – und wenn ja, welchen –
Spielern früher verabschieden müssen? War und ist es
sinnvoll, ein Konzept wie 2012 in die Öffentlichkeit zu blasen?
Welche Größe ist für unsere Brötchen tatsächlich
sinnvoll? Ist der Abstieg eine letzte Nachgeburt der Ära
Schneekloth?  ... oder fehlte einfach nur das Glück? … Diese Liste ist vermutlich beliebig fortzusetzen. Wenn man
sich nun auf mehrere Gründe subjektiv festgelegt hat, bedeutet
dies jedoch immer noch nicht, dass der subjektiv richtige Adressat
für die eigene Enttäuschung oder Wut nun gefunden sei. Die
Entscheidungsstrukturen bei Holstein sind selbst für
interessierte Außenstehende so intransparent, dass man gar
nicht so richtig weiß, wer da mit wem welche Entscheidungen
warum und wann getroffen hat. Und so bleibt der eigene Frust
weiter ziellos.
Dieses Wissen um ein Ziel würde zwar subjektiv möglicherweise
der einen oder dem anderen kurzfristig helfen, aber letztlich ist es
sehr viel bedeutsamer, dass die Verantwortlichen die komplette
letzte Saison (bzw. die letzten Jahre) mit all den getroffenen
Entscheidungen – auch in Abgrenzung von anderen Vereinen mit
weitaus weniger Etat - analysieren. Dies kann möglicherweise
auch mal weh tun, wenn man etwa zu dem Schluss kommt, man selbst
hätte zu dem einen oder anderen Zeitpunkt anders handeln können
und sogar müssen. Aber nur dann, wenn die Vergangenheit
zumindest intern ehrlich aufgearbeitet wird und daraus die richtigen
Schlüsse gezogen werden, ist künftig eine
langfristig-positive Zukunft für unsere KSV möglich. Und
darauf hoffen wir selbstverständlich alle – wie auch immer
sie aussehen wird.
Bis dahin geht es darum, sich einigermaßen anständig
aus der 3. Liga zu verabschieden und den Einzug in den DFB-Pokal zu
sichern. Dies hat – egal, wohin es den einen oder anderen
Spieler nach der Saison verschlagen wird - auch etwas mit der eigenen
Selbstachtung als Profi zu tun. Und mit Respekt. Es scheint nach dem
heutigen Spiel leider angebracht, einige – nicht alle –
daran zu erinnern.
[Bilder: calcio-culinaria.de]
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