Autor: n.h.
 VFB? NEE! Es gibt solche Tage, wo unterschwellig auch mal der Gedanke auftaucht, dass es wichtigere Dinge als Fußball gibt. Doch als den Schreiber Samstagmittag gegen zwölf die telefonische Anfrage erreichte, ob man wegen dieser japanischen Vokuhila-Kernschmelze nicht doch zu Hause bleiben würde, war es keine Frage, dass man die Prioritäten so vorbildlich setzen würde wie einst die Besatzung des Leitstandes des AKW Brunsbüttel. Denn seinerzeit, am 18.Juni 1978, zehn Minuten vor Anpfiff des WM-Spiels Deutschland gegen Holland, fingen ein paar Alarmleuchten auf den Konsolen an zu nerven. Diese wurden folgerichtig abgeschaltet. Dass die anschließende Freisetzung mehrerer Tonnen radioaktiven Dampfes die erste Pyroaktion der deutschen Ultrá-Bewegung war, gehört aber wohl ebenso ins Reich der Legenden wie eventuelle Vermutungen, dass sich die Reaktor-Mannschaft vorher im großen Stile mit Duff-Bier und Donuts eingedeckt hätte. Dass der Meiler danach zwei Jahre stillgelegt war, ist hingegen genauso richtig wie irgendwie auch kleinlich und übertrieben. Wobei diese ganze Atom-Geschichte ja sowieso irgendwie völlig überbewertet ist.
Denn es hat sich doch jetzt exakt das alte Risiko-Szenario aus den 70ern bewahrheitet, dass es so einen GAU nur alle 10.000 Jahre gibt. In den 80ern hieß es dann freilich ein mal pro 100.000 Jahre, da es sich ja doch ein wenig blöd anhörte, dass bei gut 400 AKWs weltweit eben statistisch gesehen alle 25 Jahre ein Landstrich entvölkert wird. Aber 1986 und nun 2011: Die ältere Risiko-Statistik war nun offensichtlich doch goldrichtig. Und da es in Deutschland lediglich 17 kommerzielle AKWs gibt, wird hier rein rechnerisch erst im Jahr 2599 ein Luftwaffenpilot seinem Liebeskummer am Reaktordruckbehälter ein Ende bereiten oder die begeisternde Technik aus der Zeit, als Ford Granadas und Opel Rekords über deutsche Straßen fuhren, ohne äußeren Anlass einfach mal aussetzen. Und überhaupt: Wenn einmal Brokdorf, Krümmel oder Brunsbüttel in den Dutt gehen sollte, hieße das ja auch noch lange nicht, dass eine Südwindlage die gemeinen Atome ins 100km entfernte Kiel trägt. Viel wahrscheinlicher wäre doch, dass es Pauli oder den HSV träfe. Oder noch besser: ... na, Ihr wisst schon.
Aber zunächst hat es ersteinmal am Samstag die Hertha U23 getroffen. Gerade 15 Minuten brauchte die KSV für die erfolgreiche Schnellabschaltung des Berliner Nachwuchses. Insbesondere dieses Eigentor zum 3:0 machte ein wenig den Eindruck, das Team im "DB"-Dress würde einen Solidaritätsstreik mit den lokfahrenden Kollegen von der GdL durchführen. Doch auch wenn sich Berlin beinahe so harmlos wie zuletzt Havelse im Holsteinstadion präsentierte, so war es auch eine großartige Kieler Mannschaftsleistung sowohl im defensiven als auch offensiven Bereich, die manch verstrahlter Kritik der letzten Wochen die Spitze nimmt und einer Laufzeitverlängerung bei der Personalie Thorsten Gutzeit ziemlich zuträglich sein dürfte. Vor dem Spiel hörte man noch Sprüche, dass eine Verpflichtung von Felix Magath durch den KSV-Aufsichtsrat bereits beschlossene Sache sei ...
Die im Vorbericht gestellte Frage nach der guten Laune kann man trotz der üblen Nachrichtenlage für die Dauer des Spiels und dem anschließenden Umtrunk am Holsteiner mit einem klaren "Ja" beantworten. Die 1800 Zuschauer waren bei frühlingshaften Temperaturen richtig gut aufgelegt. Und der Holsteiner Interviewkönig Stürmer Jakob Sachs war als Vorsänger im I-Block mit semi-freundlichen Worten über seinen letzten Arbeitgeber auch noch für einige herzliche Lacher gut. Gepunktet hatte die Mannschaft anschließend im übrigen noch damit, sich auch noch von der hinterm Zaun stehenden "Sektion Stadionverbot" zu verabschieden, die aus der Ferne betrachtet auch ein wenig an eine Mahnwache beim Zwischenlager Gorleben erinnert. Nette Geste.
Auch wenn das jetzige Holsteinteam nach wie vor völlig unberechenbar ist, so dürfte für diese Saison eine Wiederholung der Störfälle der Jahre 2007 und 2010 mittlerweile nahezu ausgeschlossen sein - bereits am Mittwoch kann die KSV das Restrisiko mit einem Sieg gegen den HSV weiter minimieren. Denn eines sollte klar sein:
Nur komplett abgeschaltete Gegner bieten völlige Sicherheit.
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