Autor: n.h.
 1:0 - Jubel ... Endlich mal wieder richtig durchdrehen. Beim 1:0 zehn Minuten vor der Halbzeitpause großer Jubel und ein bisschen Verwunderung, dass ein Kieler Tor bei einer Standardsituation fällt. Selbst aus der weiten Entfernung der Kieler Gästeblöcke gesehen ein geiler Schuss. Als nach gut einer Viertelstunde in der zweiten Halbzeit ein Kieler Angriff mit Pech lediglich an der Lübecker Torlatte endete, befürchtete man Böses, da Lübeck in dieser Phase stärker wurde und zu Chancen kam. Beim 2:0, das ziemlich loserhaft und hübsch anzusehen von einem Lübecker Spieler ins eigene Netz geschoben wurde, war der Jubel natürlich noch größer. Aber Sicherheit gab das immer noch nicht, da bei der heimischen "Generalprobe" vor zwei Wochen das Spiel in den letzten 20 Minuten noch gedreht wurde. Doch dann kam zehn Minuten vor Schluss das 3:0 und alle Dämme brachen. Grenzenlose Begeisterung in den Kieler Blöcken, das heimische Publikum hingegen restlos bedient.
In der Holstein-Block-Nachbesprechung zur "Derby-Generalprobe" war von gestiegener Vorfreude und der Hoffnung auf ein "reinigendes Gewitter" auf der Lohmühle die Rede und genau das ist auch eingetreten. Vollmann-Entlassung, "Hoffenheim des Nordens", fristlose Kündigung des vormaligen "Hoffnungsträgers", die letztlich in einem teuren Vergleich endete, jämmerlicher Abstieg: Das fußballerische Aushängeschild des hohen Nordens ließ kein Fettnäpfchen aus, sich als Dilettantenstadl und Lachnummer zu präsentieren. Dann der Neubeginn mit regionalen Vorzeichen: Ein sehr durchwachsener Start, in den Augen Vieler nichts Halbes und nichts Ganzes. Die Holsteiner Rückrunde in Liga 4 sicherlich ein Hoffnungsschimmer - während Kiels Ex-Trainer Peter Vollmann derweil allerdings mit Hansa Rostock den Aufstieg in die zweite Bundesliga feiern konnte.
Das Holsteiner Team hat mit seinem ehrlich verdienten und grandiosen Pokalsieg dafür gesorgt, dass man die Hypothek dieser zwei richtig beschissenen Holstein-Jahre endlich ad acta legen und vergessen kann.
Sportlich gesehen war es im Übrigen dieses Mal im Gegensatz zur Generalprobe eigentlich eine völlig klare Sache, von der Anfangsphase der zweiten Halbzeit vielleicht abgesehen. Denn punktgenau zum wichtigsten Spiel des Jahres hat Holstein mit großem kämpferischen Einsatz dem mehr oder weniger in Auflösung befindlichen VfB den Schneid abgekauft, oder, wie es ein Lübecker Fan sehr schön ausdrückte: "Kiel hat die besseren Fußballer, das will ich akzeptieren, aber dass Kiel auch noch mehr kämpft als Lübeck ist eine Frechheit ohne Ende."
 2:0 - Noch mehr Jubel ... Doch auch abseits des fußballerischen Geschehens war das "Ein Derby, was alles geboten hat", wie es auf einer einschlägigen Internetseite heißt. Wobei es dazu allerdings sehr unterschiedliche Betrachtungsweisen gibt, ob man wirklich alles geboten haben möchte, was es gab.
Aus des Schreibers Perspektive sieht das so aus: Bei den beiden letzten Trips an die Lohmühle ist der Schreiber entweder selbst bedroht worden oder hat mitbekommen, das anderen "Normalo-Fans" hinter der Haupttribüne Schals "gezogen" oder angerotzt wurden, so dass der Trip an die Trave schon im Vorfeld ein wenig Nervenkitzel versprach. In einem Privat-PKW mitgefahren, Parkplatz Lohmühle geparkt, Schal trotz warmer Temperaturen unterm Rolli getragen. Vor der Haupttribüne völlig entspannte Atmosphäre, überraschenderweise parkt sogar der Störche-Bus "unbehelligt" direkt vor der Tribüne.
Im Sitzblock G6 dann viele bekannte Kieler Gesichter und der Schreiber bekommt die Story zu hören, dass zuvor zwei Busladungen Kieler "Erlebnisorientierter" unbehelligt ans Stadion gelangten und es zu einer Auseinandersetzung mit Lübeckern auf einem Nebenplatz kam, die von den beteiligten Kielern anscheinend als gewonnenes "Rückspiel" zu einer verabredeten Hauerei an der Kieler Forstbaumschule vor zwei Wochen gewertet wurde. Zudem hätte es bereits auf der Haupttribüne im Stadion Auseinandersetzungen und einen Platzsturm o.ä. gegeben. Bis zu dem um eine halbe Stunde verschobenen Anpfiff wegen des verspäteten regulären Zuges passierte original allerdings überhaupt nichts mehr, abgesehen davon, dass ein Normalo-Mitfan zu Recht gepestet war, von irgendwelchen Spacken in grün-weiß ohne Anlass eine Bierdusche kassiert zu haben.
Bisweilen recht amüsant allerdings das Gepöbel, mit dem man vom benachbarten Lübecker Stehblock während des Spieles bedacht wurde, egal ob nun obszöne Gesten mittelalter Damen, lautstarkes Genöle alkoholisierter Individualpöbler im Rentenalter oder jene drei Vollhonks in den Zwanzigern, die nahezu pausenlos und talentfrei ihr Lied von "Kiel, Stadt der Liebe" sangen und dabei unglaublich originelle inzestuöse Andeutungen machten.
 3:0 - Verwackelter Jubel Das 2:0 (oder war es doch das 1:0?) feierten einige Kieler, die sonst auf den Zaun springen würden, in Ermangelung desselben vor der Absperrung des Sitzblockes, konnten allerdings ohne größere Probleme vom Ordnungsdienst wieder hinter die Absperrung gedrängt werden. Gegen Ende der ersten Halbzeit erste Becherwürfe aus dem "Green Block" - unschön, aber glücklicherweise kam wohl niemand dabei zu Schaden. Zu Beginn der zweiten Halbzeit dann eine recht schicke pyrotechnische Vorführung im Green Block. Wobei nach wie vor richtig ist, dass die strikte Auslegung der bestehenden Gesetzeslage dazu führt, dass Unbeteiligte durch das heimliche, unkontrollierte Abbrennen eher gefährdet werden könnten, als dies bei einer Duldung oder Teillegalisierung der Fall wäre.
Nach dem Abpfiff dann noch ein kurzer Platzsturm auf Lübecker Seite, der im Gegensatz zu jenem von Kieler Fans beim Spiel gegen die zweite Mannschaft des VfB am 13.4.2008 vollen Unterhaltungswert ohne Schämen bot. Denn dieses Mal waren es eben Lübecker Fans, die sich komplett zum Löffel gemacht hatten.
Lang und breit könnte man sicherlich über die Rolle der Polizei sprechen, die offensichtlich einen ganz schlechten Tag erwischt hatte und sich diese bizarre Räuberpistole von als VfB-Anhänger verkleideten Kielern als Schutzbehauptung ausdachte, die dann von manch einem Presseorgan ungeprüft in Umlauf gebracht wurde (liebe "Journalisten", wie logisch ist es eigentlich, dass Lübecker Fans mit zwei gecharterten Sonderbussen an die Lohmühle fahren?). Und natürlich ist es absoluter Mist, wenn tatsächlich Unbeteiligte in irgendwelche Kloppereien zwischen Gruppen mit hineingezogen wurden, die ansonsten ihre "Sportart" mit gewissen "Regeln" auf Feld und Acker betreiben, so wie es manche Beiträge im Lübecker Fanforum nahe legen.
Aber mal ernsthaft: Das war trotzdem, alles in allem, doch vor allem ein total geiler, unvergesslicher Fußballabend und hat nichts, aber auch garnichts mit dem zu tun, was Teile der Presse mit schwulstig-pathetischen Überschriften ("Lübecks schwarzer Fußball-Tag") ihren Leserinnen und Lesern suggerieren wollen. Auch wenn auf Fanseite derzeit viele ihr eigenes, nicht immer bekömmliches Süppchen kochen und auch in Sachen "lebendiger Verein" bei der KSV noch viel Luft nach oben ist - der Mannschaft traut man auf jeden Fall zu, auch in der nächsten Saison für manch ein Donnerwetter gut zu sein.
Berichte:
- Pokalsieger Holstein Kiel [holstein-kiel.de, 3.6.2011]
- Erste Niederlage im Pokalwettbewerb seit drei Jahren [vfb-luebeck.de, 4.6.2011]
- Ein trauriger Abend und die Konsequenzen [vfb-luebeck.de, 5.6.2011]
- Störche triumphieren im Landespokal über Lübeck [kn-online.de, 3.6.2011]
- Fan-Randale nach Pokalderby in Lübeck [kn-online.de, 4.6.2011]
- Schlägerei und Randale: VfB Lübeck verliert 0:3 gegen Holstein Kiel - 400 Polizisten verhindern Schlimmeres [ln-online.de, 3.6.2011]
- 0:3 -ein ganz bitterer Abend für den VfB [ln-online.de, 4.6.2011]
- Chaos an der Lohmühle [ln-online.de, 4.6.2011]
- Lübecks schwarzer Fußball-Tag [ln-online.de, 5.6.2011]
- Erst Paulaner's, dann Ballermann [ln-online.de,5.6.2011]
- Holstein Kiel glückt Pokalrevanche vor 6.768 Zuschauern in Lübeck [shfv.de, 4.6.2011]
- Nordreport, Patrick Lage [4.6.2011]
- Stellungnahme des Fankreises Lübeck [5.6.2011]
Bilder & Videos:
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