Autor: Jane_Doe
 'Seid Ihr alle daaaaaa?!?' „Häää?! Ey, dat ist doch nich deren Ernst, oder wat?“, fragte ein Freund aus der Ruhrmetropole die Schreiberin von holstein-block.de irritiert, nachdem sie ihm vom „Budenzauber“ erzählte, der sich am nächsten Samstag in der Ostseehalle ereignen wird. Wäre ein Handy mit Foto- und Videofunktion in greifbarer Nähe gewesen, dann hätte man das Entsetzen in seinem Gesicht zu Unterhaltungszwecken für die Ewigkeit erhalten können, aber solche Handys sind ja leider sehr rar.
Eigentlich basiert dieses Hallenmasters auf einer prima Idee, die auch den so genannten „kleineren Vereinen“ die Möglichkeit gibt, sich mit anderen Vereinen des Landes vor Tausenden von Zuschauerinnen und Zuschauern zu messen und sich zu präsentieren.
Auf der Vereinshomepage klingt das so (Alliterationen allez!): „Das alljährliche Hallenturnier im Kieler Handballtempel hat sich längst als beliebtes Event im Kalender der norddeutschen Fußballfans etabliert. Die gesunde Mischung aus Spiel, Spaß und Spannung, die Mixtur aus Tempo, Tricks und Toren sorgt auf den Rängen jedes Jahr neu für Beifall und Begeisterung.“
In der Halle gestaltet sich das dann so: „Seid-ihr-alle-da?“, T-Shirt-Kanonen, „Ich kann euch nicht hööören?“, Cheerleaderparaden, Glitzerpapierfontänen, schlimme (ganz schlimme!) und laute (ganz laute!) Musik, Pyro (natürlich vom Veranstalter sicher und gefahrlos in der Halle zündbar), Lightshow, „Wer hat an der Uhr gedreht?“, Großraumdiskofeeling, Werbejingles, „Wo sind die Holsteinfaaaaans?“, leicht bekleidete Getränkehersteller-Werbedamen mit Getränkehersteller-Miniaturtruck, tätättaaa, bummm, bummm , „Hey, das geht ab“ …
Gut, die fortschreitende Ballermannisierung des Hallenmasters, bei dem der Fokus schon lange nicht mehr auf dem Wesentlichen - nämlich Fußball und echten Emotionen - liegt, ließ bereits in den letzten Jahren immer mehr aktive Fans lieber andernorts eine schöne Zeit verleben. Die Schwelle, sich dieser letztlich sinnlosen und vor allem kommerziellen Eventveranstaltung zu entziehen, liegt für jeden Menschen wohl woanders. Vielleicht haben kleine Kinder samt Mama und Papa an dieser glitzerigen Gedönsveranstaltung sogar Spaß. Mit einem Bier in der Hand und ironischem Abstand zum Geschehen, geht es möglicherweise auch ohne Kinder und mit Spaß. Aber es gibt Grenzen. Und die sind für wirklich viele spätestens jetzt erreicht.
„Fans – Fete – Fußballfieber“
Der SHFV als Veranstalter gab dem Budenzauber 2010 das Motto „Fans – Fete – Fußballfieber“ (Juhu: Alliteration!) und hatte nämlich eine dufte Idee, um „die Stimmung zu steigern“. Eine Jury, bestehend aus einem SHFV-Vertreter sowie acht Vereinsvertretern entscheide nach der Vorrunde über die Leistungen der acht Fangruppen, war zu lesen. Bewertet werden dabei verschiedene Aspekte der Unterstützung in der Vorrunde so z.B. die Fan-Choreographie, die Farbenvielfalt und Fantrachten sowie Lautstärke und Fairplay-Verhalten. Eine Art Castingshow also mit dem Ziel, die lautesten und besten Fans zu finden. Toll! Klingt so ein bisschen wie im Ballermann-Cluburlaub beim Kinderanimationsprogramm, insgesamt ein thematisch durchaus gut durchdachtes Gesamtkonzept. Da fühlt man sich doch wertgeschätzt und ernst genommen und die Motivation steigt. Welcher Fan wollte nicht schon immer von einer Jury aus Verband und Verein bewertet und bei Gefallen mit einem Preis ausgestattet werden?
Über die Beweggründe für diese Aktion kann man nur mutmaßen.
Zum einen ist es denkbar, dass mit dieser Aktion gezielt versucht wurde, die aktiven Fanszenen gänzlich vom Turnier fernzuhalten, da den Verantwortlichen bereits im Vorfeld klar war, dass diese Idee auf absolute Ablehnung stoßen würde. Sollte dies tatsächlich so sein, dann wäre der Plan aufgegangen, wofür es aber von dieser Stelle keinen Applaus gebe. Denn dieses Vorgehen zeugte dann nicht nur von Desinteresse und Unvermögen, sondern wäre eine ganz schlichte und einseitige Wahrnehmung der Fans als Sicherheitsrisiko. Dies wäre nicht nur falsch, sondern auch sehr bedauerlich.
Zum anderen ist es denkbar, dass die Verantwortlichen tatsächlich davon überzeugt waren, dass sie mit dieser Aktion etwas Positives für die Fans bewirken. In diesem Falle zeugte das Verhalten von absoluter Unkenntnis über Fankultur und dem Selbstverständnis von Fans. Und wenn man sich schon nach all den Jahren immer noch kein zutreffendes Bild davon gemacht hat „wie Fans ticken“, sollte man doch dringend vor so einer Aktion mit den Fanbeauftragten der Vereine sprechen und den Kontakt suchen. Nicht über Fans reden, sondern mit ihnen. Vielleicht könnte so aus einem „gut gemeint“ auch mal ein „gut gemacht“ werden.
So oder so, beide Beweggründe wären mehr als unglücklich und so richtig weiß man gar nicht, welchen man schlimmer finden soll. Wenn jedenfalls der seltene Fall eintritt, dass die Meinungen im Kieler und Lübecker Umkreis zu einem Ereignis identisch erscheinen, ist dies immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass etwas objektivierbar ganz beschissen gelaufen ist. Es bleibt zu hoffen, dass die Verantwortlichen mal genau darüber nachdenken und im nächsten Jahr einen Weg einschlagen, der einen Kompromiss zwischen eigenen Interessen und denen der aktiven Fans darstellt. Mehr Buden, weniger Zauber!
Jede und jeder kann das ja für sich am Samstag selbst entscheiden, ob sie oder er hingeht oder eben nicht hingeht und wird sicher für sich gute Gründe dafür haben. Allen wünscht die Schreiberin eine schöne Zeit, insbesondere unserer Mannschaft, die hoffentlich gesund bleiben und hl aus der Halle fegen wird. Die Schreiberin von holstein-block.de wird letzteres leider nicht miterleben, denn sie hat sich schon lange dafür entschieden, am Samstag etwas zu machen, was sie persönlich mit mehr Freude erfüllt als diese Alliterations-Veranstaltung. Vielleicht macht sie einfach mal ihre Steuererklärung. Die für 2008. Und 2007.
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