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Gastbeitrag: All to nah Fanzine

„Nichts ist unmöglich – Altona!“

3. Mär 09
 

Autor: Jan / "All to nah"

Denen, die sich in der Geschichte der KSV Holstein auskennen, ist unser Altonaer Fußball-Club von 1893 ganz sicher ein Begriff.

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Altona 93-Fanzine
Eine Reservemannschaft des AFC war am 2. Dezember 1900 der erste Heimspielgegner des KFVs, beide Vereine kickten 1913/14 gemeinsam um den Titel der ersten Norddeutschen Liga, in der sie Vereine wie Eintracht Braunschweig, Hannover 96 und Werder Bremen hinter sich ließen, und 1957 konnte das Oberligaspiel Altona 93 gegen Holstein Kiel in ganz Deutschland „live“ im Fernsehen verfolgt werden. Die gemeinsame Geschichte ist hinlänglich bekannt, doch in diesem Artikel soll es um die aktuelle Lage des AFCs gehen – und die sieht bei weitem nicht so rosig aus, wie die Eurige in Kiel.

Während die neue Regionalliga für Euch (hoffentlich) nur eine Station auf dem Weg zurück nach oben darstellt, könnte sie dem AFC erheblichen Schaden zufügen. Denn ähnlich wie ihr Pendant in Schleswig-Holstein ist auch die „Oberliga“ Hamburg eine Endstation – jedenfalls was die Aufstiegsmöglichkeiten sportlich ambitionierter Vereine angeht. Zwischen Regional- und Oberliga klafft finanziell und sportlich einfach eine zu große Lücke. So schien für Altona die direkte Qualifikation im letzten Jahr die einzige Möglichkeit zu sein nicht in der sportlichen Bedeutungslosigkeit zu versinken. Dafür wurde neben den finanziellen Wagnissen auch der Stadionwechsel zur „Hoheluft“ (auch die dort ansässige Victoria spielte ja in der Aufstiegsrunde zur neuen Regionalliga und hatte durch die DFB-Pokal-Einnahmen aus dem Nürnbergspiel einige finanzielle Mittel) in Kauf genommen.

Obwohl schon vor dem Aufstieg viele Skeptiker geunkt hatten, ging das Konzept in der Hinrunde auf: Die meisten Fans machten den Wechsel zur „Hoheluft“ – wenn auch recht unfreiwillig – mit. Dadurch, dass so gut wie alle aktiven Fans dieselbe Eimsbüttler Gardinenkneipe als Heimspielkneipe auserkoren haben und diese uns auch herzlich aufgenommen hat, ist man sogar noch näher zusammengerückt. Hinzu kamen sogar noch einige neue Gesichter aus der Umgebung, so dass der Zuschauerschnitt in der Hinrunde mit 987 deutlich über dem der letzten Oberligasaison lag. Dabei ist sogar schon das Magdeburgspiel mit eingerechnet, das auf Grund des schneeverwehten Mittwoch-Mittag-Termins recht schlecht besucht war. Auch sportlich war die kaum verstärkte Mannschaft konkurrenzfähig, so dass das 1:6 aus dem Hinspiel als Ausrutscher gelten kann! Nur finanziell scheint die Rechnung des Vorstandes nicht ganz aufzugehen. Neben den tatsächlichen Mehrkosten aus Sicherheitsdienst (die Vorfälle vom Chemnitz-Spiel hatten doch einige Auswirkungen) wurde recht schnell klar, dass der Vorstand mit einem sehr viel höheren Zuschauerschnitt gerechnet hatte. Dieser könnte jedoch nur durch Gelegenheitszuschauer und Interessierte erreicht werden und um diese anzulocken müsste Altona 93 in der Hamburger Öffentlichkeit noch mehr präsent sein. 

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Karikatur von 1914: Altona ganz nah an der Ligawurst

Diesbezüglich gibt es sowohl vom Verein als auch von den Fans einige Bemühungen. Das größte Manko liegt aber in der Politik der Hamburger Sport- und Tagespresse. Neben den beiden Profivereinen – jedes Niesen eines Fußballprofis ist natürlich eine „Nachricht“ – haben diese die neue „Oberliga“ Hamburg für sich entdeckt. In ihr gibt es viele Derbys und man kann dank der räumlichen Nähe ohne viel Aufwand über alle Vereine gleichermaßen berichten. Der AFC hängt dazwischen quasi im luftleeren Raum – Spielankündigungen oder kurze Vorberichte werden von den Redaktionen kaum in die Blätter aufgenommen. Stattdessen überbieten diese sich, wenn es mal wieder etwas Negatives oder Skandalöses zu berichten gibt. So machte das Chemnitz-Spiel nicht auf Grund des zu dem Zeitpunkt überraschenden Sieges Schlagzeiten und die verfehlten Zuschauerprognosen wurden hoch und runter diskutiert. Plakative Schlagzeilen und Verschwörungstheorien ersetzen dabei oftmals die journalistische Recherche. Wurden die von Calmund angebotene Hilfe und die damit verbundene Finanzspritze einer Investorengruppe wirklich ohne Grund abgelehnt? Ist es wirklich ein Schuldeingeständnis, wenn Spieler die Meldung dementieren, sie hätten einen Spielerstreik geplant? Und ist es ein Zeichen für den freiwilligen Rückzug aus der Regionalliga, wenn in der Winterpause vier Spieler den Verein verlassen, von denen keiner in der Hinrunde auf mehr als zehn Einsätze kam?

Als unbeteiligter Beobachter in Hamburg hat man den Eindruck, Altona sei schon lange nicht mehr zu retten. Und dieses öffentliche Bild motiviert natürlich kaum neue „Schaulustige“ zu den Spielen zu kommen. In den letzten Wochen sorgten einige Entscheidungen des Vorstandes für zusätzliche Irritationen. Ich versuche einmal so wenig wie möglich zu interpretieren und lediglich die Fakten aufzuzählen: Zunächst wurde mit Jörg Franke recht überraschend der Manager entlassen. Es folgte drei Tage vor dem Rückrundenauftakt gegen Hannover II die Entlassung des vierköpfigen Trainerteams um Torsten Fröhling - eine Entscheidung die aus „rein wirtschaftlichen Gründen“ getroffen worden sei, da für eine erneute Meldung für die Regionalliga „wirtschaftliche Einschnitte“ nötig seien. Gespräche über die Auflösungen der bis zum Saisonende laufenden Verträge sollen in den nächsten Wochen erfolgen. Die Mannschaft wird seit dem von Thomas Seeliger trainiert, der beim Kreisligisten Holm unter Vertrag steht und mit seiner Fußballschule in Norderstedt finanziell abgesichert ist.

Platz für Interpretationen bieten unter anderem folgende Rahmenbedingungen: Sowohl Franke als auch Fröhling gelten als die „Macher“ des sportlichen Aufstiegs. Der ambitionierte Victoria-Manager Ronald Lotz berät seit Anfang des Jahres den Vorstand des AFC. (Victoria Hamburg ist zweimal in Folge Hamburger Meister geworden und hat im Sommer in der Relegation knapp den Aufstieg in die Regionalliga verpasst.) Er spielt gemeinsam mit Thomas Seeliger bei den Senioren Victorias. Über allen Entscheidungen hängen zudem der Verkauf der Adolf-Jäger-Kampfbahn - der Vertrag wird gültig, wenn eine Ersatzfläche gefunden und akzeptiert ist - und vereinsinterne Fragen, die an dieser Stelle den Rahmen sprengen würden.

Altona 93 befindet sich also derzeit in einer äußerst verzwickten Situation – zumal sportlich nach dem Auftritt in Kiel die Spiele gegen Babelsberg und in Halle anstehen. Ein Abstieg in die „Oberliga“ Hamburg erscheint zwar nicht erstrebenswert, ein totaler Ruin des AFC scheint jedoch nicht befürchtet werden zu müssen. Denn schon 1997 hat der Vorstand um den Hauptgeldgeber Barthel mit dem damaligen Verzicht auf die 4. Liga bewiesen, dass er keine unvernünftigen finanziellen Risiken eingeht. Uns bleibt wohl zunächst nur, die Mannschaft kräftig zu unterstützen und auf unsere Weise Werbung für diesen auf wunderbare Art liebenswerten Traditionsverein zu betreiben.

[Jan ist Herausgeber von "All to Nah - Rundschrift der Anhänger des Altonaer Fußball-Clubs von 1893", deren 7. Ausgabe  am 28. Februar erschien]

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DFB-Jahrbuch von 1910, S. 226 ...



Kommentare (1)
Geschrieben von Peter Mandel, am 4. Mär 09 um 16:34,
Ein wirklich erstklassiger Bericht, fachlich top, einfach lesenswert.
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