Vor gut 15-20 Jahren, als überaus zielstrebiger Student, hatte der Schreiber in der Kieler Bergstraße des öfteren mal eine mitleidvollen Blick auf diejenigen geworfen, die frühmorgens mit schlaftrunkenen Gesichtern auf dem Weg zur Arbeit in ansonsten leeren KVAG-Bussen saßen. Am frühen Samstagmorgen war es nun umgekehrt, denn der Schreiber saß in einer fast leeren 900 auf dem Weg zum Treffpunkt Holsteinstadion und sah vor den einschlägigen Vergnügungsstätten junge Leute rumstehen, die ihrerseits nun vielleicht dachten, was da wohl für ein Loser am Samstagmorgen auf dem Weg zur Arbeit in dem Bus drinsitzt. Was natürlich ein totaler Irrtum gewesen wäre, da die morgendliche Busfahrt ebenso einem freiwilligen Vergnügen diente, nämlich der Auswärtsfahrt nach Dresden. Und die versprach nicht nur einen Stadionbesuch mit großer Kulisse, sondern auch ein wenig Sightseeing im sächsischen "Elbflorenz".
Um das Fazit vorweg zu nehmen: Es hat sich mal wieder hammermäßig gelohnt.
Gelungene Block-Verschönerung
Vor dem Stadionbesuch wurde der erste Teil des Sightseeings absolviert. Bedingt durch ein paar etwas zu lange Pausen auf beeindruckenden Autobahnraststätten, war zwar keine Zeit mehr, das Auto auf dem Weg zum Stadion mal kurz stehen zu lassen. Aber eine spätere Wikipedia-Recherche ergab, dass man auf den aus dem Seitenfenster geschossenen Fotos in der Bildergalerie den "Goldenen Reiter" erkennen kann und auch die Frauenkirche für ca. 20 Sekunden im Blickfeld war. Super.
Im Stadion angekommen konnte man sich über einen bis in den letzten Zipfel gleichmäßig gut gefüllten Kieler Gästeblock freuen, während insbesondere im Dresdner Ultra-Block riesige Lücken klafften. Man muss ehrlicher Weise sagen, dass der Dresdner Support anfangs leichte Vorteile gegenüber Kiel besaß, was sich aber schlagartig änderte, als endlich der Rest der Kieler Ultras inklusive Trommel eintraf. Die Dresdner versuchten zwar, sich durch gemeinsames Hüpfen oder Schunkeln gegenseitig etwas Mut zu machen, was aber dem eher jämmerlichen Bild, das die schwarz-gelben da abgaben, keinen Abbruch tat. Der Initiative von Kielern ist es zu verdanken, dass der Dynamo-Block später farblich dann doch etwas geschmackvoller und schöner wurde, denn die Dresdner hängten eine großzügig gespendete Holstein-Fahne sofort freudig in ihren Block.
Angeblich soll während des gut 130 Minuten dauernden Stadionbesuches auch ein Fußballspiel stattgefunden haben. Kann aber garnicht nicht sein, denn es gab nämlich keine entsprechende Vorschau auf holstein-block.de.
Gegen Ende des Stadionbesuches wollten dann noch ein paar überaus sympathisch ausschauende Dresdner aus dem nächstgelegensten Block auf ein wenig Smalltalk rüberkommen. Aus unerfindlichen Gründen wurde dies vom Ordnerdienst so missdeutet, als würden die Dresdner ihre zahlenmäßig nahezu überlegenen Gäste verkloppen wollen, und postierte sich dazwischen. So konnte man sich letztlich nur gegenseitig freundlich auf Distanz mit dem Mittelfinger mit den Händen zuwinken und nur darauf hoffen, es möge im Umkreis des Stadions später noch zu Begegnungen kommen.
Gelungene Spiel-Verschönerung
Dazu sollte es aber leider nicht mehr kommen. Trotzdem war der letzte Eindruck, dem man von Dresden mitnahm, freundlich und zuvorkommend: Die Dresdner Polizei bot an, dass man eine Begleitung zur Autobahn bekäme, wenn man wolle. Und irgendwie hatte man auch ja auch keine Lust mehr, da noch großartig mit Holsteintrikots und den viel zu warmen Schals durch die Innenstadt zu laufen, wo man doch schon auf dem Hinweg alles gesehen hatte. Ausgestattet mit einer guten Wegbeschreibung ("fahrense n Stück geradeaus und dann rechts, dann sind Sie fast auf der Autobahn") und ohne Begleitung hatte man also etwa eine halbe Stunde später die Stadt verlassen und konnte dabei von einer Elbbrücke noch einen Blick aufs ehemalige Weltkulturerbe werfen - 10 Sekunden länger, und es hätte sogar noch mit einem Foto aus dem Seitenfenster geklappt.
Gegen halb elf war dieser unvergessliche Ausflug nach Sachsen dann leider schon zu Ende. Aber glücklicherweise stehen demnächst Fahrten nach Wuppertal, Wiesbaden oder München an. Und dann wird man sicherlich wieder mitleidig auf die Nachtschwärmer in der Bergstraße schauen.
Treffender Bericht. Hatte den Sonnabend auch in überaus positiver Erinnerung. Zu erwähnen auch noch der nächtliche "Stadt"bummel durch die Außenbezirke von Neuruppin, wo das eigene Auto durch eine schicke Mercedes B-Klasse ersetzt wurde, um den einheimischen, mittelständischen Betrieb "Sixt" solidarisch zu unterstützen.
Dresden, wir freuen uns schon auf nächstes Jahr. (: