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Von Babelsberg nach Kiel in 9 Stunden

Eine ganz normale Auswärts-Zugfahrt ...

26. Apr 09
 

Autor: Zens

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'Sind Sie vielleicht John Wayne ... oder bin ich das?' (aus: Full Metal Jacket)
Holstein gewinnt im "Karli" beim Tabellendritten Babelsberg, Verfolger Halle patzt erstmalig in der Saison und Magdeburg verabschiedet sich vollständig aus dem Titelrennen. Nach einem derart blau-weiß-roten Spieltag dürfte es eigentlich überhaupt keinen Grund für einen "Meckeropa" geben, doch nicht zuletzt seit den "Vorfällen" rund um das Spiel Union Berlin gegen Dynamo Dresden, bei dem die Polizei willkürlich Krisenherde festlegte und das Spiel als Trainingsmaßnahme für Zugriffs- und Festnahmesituationen organisierte, dass Polizeibegleitung maximal zum Schutz der Fußballdesinteressierten angesehen werden kann. Ein Fußballfan auf einer Auswärtsfahrt ist auf dem besten Wege zum Abschuss frei gegeben zu werden.

Die guten Aussichten an der Tabellenspitze und die Erwartungen eines heiß umkämpften Spitzenspiels hatten gut und gerne die prognostizierten dreihundertfünfzig Kieler Auswärtsfahrer gelockt und so reiste der Großteil wie angekündigt um 5:44 vom Kieler Hauptbahnhof in Richtung Filmstadt ab. Im Vorfeld hatte der Verein SV Babelsberg angekündigt, dass es keine Aufbewahrungsmöglichkeiten für Rucksäcke geben würde und man deshalb besser auf deren Mitnahme verzichten solle - dass dann jedoch am Einlass selbst Bauch- und Handtaschen verboten wurden, selbst wenn der gesamte Inhalt vorgezeigt wurde und die Tasche vollständig leer war, war eine dreiste Frechheit. Die Begründung dafür war, dass Bauchtaschen als Wurfgeschosse zweckentfremdet werden könnten. Doppelhalterstangen waren jedoch kein Problem, Schuhe durften auch anbehalten werden und man glaubt es kaum: Der eine oder andere schaffte es sogar, seine Hosentaschen in den Block zu schmuggeln.

Bei bestem Fußballwetter lief das Spiel von Beginn an für Kiel und als die Zwischenergebnisse aus Halle und Lübeck bekannt wurden, gab es im Block kein Halten mehr. Oberkörperfrei und Polonaise, laute Gesänge und Schlachtrufe. Holstein machte die Begegnung zu einem Heimspiel, so dass diejenigen, die vor den Toren bleiben mussten, beim Torjubel sogar glaubten, Babelsberg würde führen. Geil, Geiler, Kyler!
Ein Tag wie man ihn sich nur wünschen konnte. Dazu gab es eine anständige Wurst und ein leckeres Bier. Herz was willst du mehr?

... Eventuell kompetenteres Personal bei der staatlich geförderten Zugbegleitung?

Es ist inzwischen zum "guten Ton" geworden, dass Fußballfans von "BFEs" (Beweissicherungs- und Festnahmeeinheiten) begleitet werden. Das sind die Damen und Herren in der schwarzen Uniform, die speziell dafür ausgebildet sind, ihre Absichten handfest zu untermauern statt sie sinnvoll zu begründen. Dabei werden die Rechte des Einzelnen und der Gruppe auf das absolute Minimum beschränkt. Ohne Anhaltspunkt für Aggression wurde sämtlichen Auswärtsfahrern die Möglichkeit genommen, sich am Bahnhof nach dem Spiel in der Aprilsonne mit Nahrungsmitteln und Getränken einzudecken. Statt den Bahnhof "abzusichern" und die Leute zehn bis fünfzehn Minuten in den Laden zu lassen, wurde man zehn Minuten eingekesselt und sollte sofort am Laden vorbei auf das Gleis geschoben werden. Bloß schnell weg, die Assis sind unterwegs. Als dann doch jemand an einigen Polizisten vorbei zum Laden ging, wurde er nach einem freundschaftlichen "Deine Mutter"-Witz (durch mehrere Zeugen bestätigt) von Seiten des Polizisten umgehend recht unsanft festgenommen. Die Gruppe weigerte sich daraufhin ohne ihn weiter zum Zug zu gehen - hatte zwar inzwischen eingesehen, dass man nicht zum Laden käme, würde aber definitiv nicht ohne ihn gehen - woraufhin die Einheiten kurz vorrückten und es zu mehreren Schubsereien kam. (Wer mal dabei war weiß, dass die Freunde in Grün und Schwarz es drauf haben, Stoßen und Schubsen in ordentliche Schläge zu verwandeln und die Schwelle dabei sehr schnell verschwimmt. Auch immer wieder zu beobachten: Linke Hand für den "Abstand", rechte bereits am Knüppel).

Die Polizei gab kurz darauf nach, brachte den Festgesetzten zurück und es ging sofort weiter zum Gleis, woraufhin bereits die nächsten zwei Leute rausgezogen wurden, weil sie versuchten bei den Getränkeständen unterwegs Wasser oder Cola zu kaufen. Die anfangs noch sehr gut gelaunte Stimmung schlug immer mehr in Empörung um. Man wurde wie Vieh zusammengedrängt und in den erstbesten Zug gesetzt, der Babelsberg verließ: So ging es dann nach Magdeburg, was ,wie jeder weiß, auf direktem Weg nach Kiel liegt.

Auf der Fahrt ereignete sich dann das nächste Zwischenspiel. Ein Schlafender wurde um ein Haar von einem (nicht Kieler-)Mitreisenden beklaut, er bemerkte es und machte unfreundlich darauf aufmerksam, dass seine Sachen bei ihm bleiben würden, woraufhin er und sein Vater dann bei der Polizei in Magdeburg blieben. Die Auswärtsfahrt ist für die Zwei dann am nächsten Morgen gegen halb Neun zuende gewesen.
Auch hier bemühte man sich von Seiten der Gruppe nicht ohne sie weiterzufahren. Man war gemeinsam angereist, man wollte niemanden zurück lassen - nicht wegen solcher Willkür! Nun mag sich der eine oder andere fragen, wie man denn von Willkür sprechen kann und ob die Polizei das von ihrer Seite nicht ein bisschen besser beurteilen könnte. Dazu kann man zuerst einmal sagen, dass die Polizei es sicherlich anders sehen wird, der Schreiber dieser Zeilen es jedoch sicherlich ebenso besser beurteilen kann, als jeder der diese Zeilen nur liest und andererseits, dass es mehrfach zu Beispielen kam, bei denen die ganze Ablehnung der Polizei gegen die Fußballfans deutlich wurde: Eine Vierergruppe Mitfahrerinnen (nicht aus Kiel, wie die "Berliner Schnauze" eindeutig bewies) rauchte laut gackernd und gröhlend. Als ein Polizist vorbeikam, forderte er sie dazu auf, die Kippen auszumachen und musste sich dafür mehrere extrem freundliche Kommentare stecken lassen. Auch ein zweites Mal ermahnte er die Gruppe nur, als es wenig später zu genau der gleichen Situation kam. Als er jedoch einen qualmenden Fußballfan fand, zückte er sofort den Stift und bat zur Kasse. Man kann sich allerdings fragen, ob es hier wirklich an einer Ablehnung gegenüber Auswärtsfahrern und Fußball"assis" liegt, oder ob der Typ einfach nur sexistisch war.

Ein sehr beliebtes Spielchen der Polizei war dann auch das "Durch den Zug schicken". Spiel wie folgt: Geeignet für jedes Alter, 3-8 Mitspieler. Einer steht auf und will zur Toilette gehen, vor der sich ein Uniformierter aufgebaut hat und den Zugang versperrt. Grinsend erklärt er einem dann, dass hier niemand durch kommt und man auf der anderen Seite des Waggons ein weiteres WC fände, das man benützen könne. Man schiebt und drängelt sich also durch den vollgestopften Viehtransporter bis auf die andere Seite, wo erneut ein Uniformierter steht und grinsend erklärt, niemand dürfe hier durch und man könne auf der anderen Seite gehen, das sei gerade geklärt worden. (Kennt jemand das Märchen von Fuchs und Igel, die ein Wettrennen machen?) Das Spielchen lässt sich dann beliebig oft wiederholen. Gewinnen tut immer die Polizei, Strafpunkte gibts fürs Einnässen oder den Beamten auf die Schuhe pinkeln ... wobei letzteres zumindest zu moralischen Siegern erklärt. (Etwas derartiges kam jedoch nicht vor, wie ich hier betonen muss).

Ebenfalls einen Sonderpreis für Kompetenz und Feinfühligkeit verleihen wir einem Polizeibeamten, den wir leider nicht namentlich nennen können, da er kein Namensschild trug und auch sonst nicht zu identifizieren war.
Einer der Kieler Mitfahrer (erstes Mal dabei) leidet unter einer gewissen Krankheit, auf die Umstände müssen wir nicht näher eingehen. Jedenfalls musste er eine Tablette nehmen und dazu wurde nach unalkoholischen Getränken gesucht, die erst nach längerem Suchen überhaupt noch aufzutreiben waren (man durfte sich ja jederzeit eindecken, haha) und auch von Seiten der Polizei gab es nur mäßiges Interesse, obwohl nach einem Arzt gerufen wurde. Erst nach längerer Diskussion, durfte der Kranke - von zwei Leuten gestützt und sichtlich beansprucht - das Abteil kurz verlassen. Obwohl es im Beisein des oben angesprochenen Polizisten die Diskussion und auch die Erklärung für seinen Zustand gab, konnte er sich den Kommentar nicht verkneifen: "Beim nächsten Mal weniger Saufen". Das meine Damen und Herren sind die Manieren eines Mannes, den man sich zum Schutze der eigenen Unversehrtheit nur wünschen kann. Daumen hoch.

Nachdem man nun also weder in Babelsberg noch in Magdeburg einkaufen durfte und bei vielen die Zunge schon pelzig am Boden schleifte, wurde versprochen man dürfe in Salzwedel einkaufen: Nichts. Geschäfte geschlossen, erst eine etwas abgelegene Bude brachte dann ein paar Dosen Cola und Fanta zutage. Das alles natürlich unter Zeitdruck, denn man wollte uns statt über Hamburg lieber über Lübeck fahren lassen. Dabei konnte man sich nach der anstrengenden Tour und dem bisherigen Verlauf bereits ausrechnen, dass das einfach nicht gut gehen konnte. Gesagt, getan - in Eutin standen dann eine Handvoll Lübecker, die provozierten und dafür sorgten, dass im Waggon noch einmal fleißig hin und hergelaufen wurde, während von links und rechts Behelmte ins Abteil stürmten und dabei auch vor körperlicher Gewalt gegen die von Holstein eingesetzten Sicherheitskräfte nicht zurück schreckte. Ein absolutes Armutszeugnis in Bezug auf Planung und Durchführung.

Um Viertel vor Zwei Uhr morgens war man dann endlich wieder in Kiel und ein sehr langer Tag ging zuende.

Das traurige Fazit und das Schlusswort bildet der Satz eines Kieler Mitfahrers, der nebenbei aufgeschnappt wurde: "DAS war meine letzte Auswärtsfahrt". Und so darf es gar nicht wundern, dass man sich noch so sehr anstrengen, noch so viele großartige Aktionen planen und durchführen kann: Solange die Prügeltruppen dabei sind, wird es keinen großartigen Zuwachs bei den Zahlen der Auswärtsfahrer geben. Wer kann es schon einem Vater verdenken, der um das Wohl seines Kindes sorgen müsste, wenn er sich entscheidet zuhause zu bleiben. Oder wer will einem anderen einen Vorwurf machen, wenn er es sich nicht antun will, derart kriminalisiert zu werden und statt dessen lieber zum THW geht, wo zumindest nicht er selbst als Krimineller behandelt wird?
Wie war das nochmal? WER macht unseren Sport kaputt?



Kommentare (1)
Geschrieben von Jonas, am 27. Apr 09 um 22:15,
Kommentar eines Polizisten im Potsdam, nachdem ich ihn fragte, ob ich mir in dem Laden vor dem er sich gerade mit seinen Kollegen grinsend wie eine Wand aufgebaut hatte, etwas zu trinken kaufen könnte, war: "Na klar, du bist doch ein freier Bürger, du kannst es ja mal probieren", wobei er gleichzeitig zum Knüppel griff und sich keinen Zentimeter bewegte. 
 
Da wundert es kaum, wenn einige Leute den Glauben an die Rechtsstaatlichkeit der Bundesrepublik schon vollständig aufgegeben haben.
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11  SV Meppen 33  37  -18
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15  Halberstadt 33  34  -6
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Kommentare

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