Autor: valderama carlos
 25.April 2010, 16.29 Uhr, 53 cm, 3760g, m „Ich komm zum Glück aus Osnabrück“
(Marketing-Slogan)? Oder uninteressante „Stadt ohne
Eigenschaften“ („Die Welt“, 12.12.2009)? Der Autor
ist sich auch über ein Jahr nach seinem Wohnortwechsel von Kiel
nach Osnabrück nicht gänzlich klar darüber, was er nun
eigentlich von der „Friedensstadt“ halten soll.
Vergleicht man die beiden Städte kann man sagen: Was die
umgebende Natur angeht, ist Kiel vorne. Der Teutoburger Wald mag
bundesligareif sein. Kieler Förde und Ostsee aber sind dagegen
Champions League.
Bezüglich der lokalen Verankerung und Präsenz des
Fußballvereins im öffentlichen Leben muss man jedoch
neidlos anerkennen: Hier besteht offenbar ein Klassenunterschied
zwischen dem VfL Osnabrück und Holstein. So werden Heimspiele in
der 160.000 Einwohnerstadt regelmäßig von etwa 10.000
Zuschauern besucht. Zum letzten Auswärtsspiel fuhren mal so eben
8000 Anhänger nach Dortmund – Zahlen, von denen man in
Kiel nur träumen kann. Auch Absetzbewegungen zu
benachbarten höherklassigen Clubs (wie von Kiel in Richtung HSV
oder St.Pauli) scheint es hier - etwa nach Dortmund oder Bremen –
kaum zu geben.
Gibt es einen Aufstieg des VfL zu feiern, so passiert das im
Stadtzentrum auf dem Marktplatz. Ebenso findet sich ein Fanshop in
zentraler Lage und - um ein letztes Beispiel zu nennen: Schon
Neugeborene werden an die lokale Fußballkultur „herangeführt“,
wovon sich der Autor kürzlich im VfL-Kreißsaal des
Osnabrücker Klinikums überzeugen konnte. All dies zeigt:
Hier besteht offenbar eine starke Verwurzelung und hohe
Identifikation mit dem lokalen Fußballverein.
Von ähnlichen Verhältnissen ist man in Kiel leider weit
entfernt. „Am Puls der Stadt“ ist man hier höchstens,
wenn man einen Slogan zur Mitgliederwerbung sucht, aber weniger in
der Realität. Stattdessen haben die Verantwortlichen in den
letzten 1 ½ Jahren einiges auf die Beine gestellt, um die
Identifikation mit Holstein zu erschweren. Der menschlich
unterirdische Rausschmiss des erfolgreichen Trainers Vollmann,
ekelhafter Personenkult um Nachfolger Götz, Großkotzigkeit
und abgehobene Zielvorstellungen (2.Liga bis 2012), weitere zumindest
fragwürdige Personalentscheidungen (Rausschmiss Tomforde, Thom)
usw. - all das war vor allem eines: zutiefst unsympathisch. Kommt
dazu dann noch der maximale sportliche Misserfolg wird es
lächerlich.
Und so ist denn der erneute Absturz in die Viertklassigkeit auch
nicht mit dem letzten Abstieg 2007 zu vergleichen. 2007 war schon
hart, doch hatte Holstein seinerzeit wirklich außergewöhnliches
Pech. Man erinnere sich nur an die Rekordpunktzahl (48) und die
schlechtere Tordifferenz gegenüber drei anderen punktgleichen
Teams. Der Abstieg stand erst am letzten Spieltag fest. Das Ganze
konnte tatsächlich als einmaliger Betriebsunfall durchgehen,
unglücklich, nicht wirklich verdient.
2010 dagegen war der Abstieg bereits drei Spieltage vor
Saisonende besiegelt. Mit 12 Punkten Rückstand auf den rettenden
Platz 17. Nach 14 Spielen in Folge ohne Sieg. Verdienter kann ein
Abstieg nicht sein. Und dieses Mal war es eben kein Betriebsunfall,
sondern definitiv Folge von Fehlern im System.
Der Frust von 2010 fühlt sich dann auch anders an als 2007:
nachhaltiger, tiefgehender, ja hoffnungsloser. Hätte man sich
vor drei Jahren auch nicht vorgestellt. Immerhin gab es seinerzeit
bald wieder eine positive Entwicklung: Die Qualifikation für die
Regionalliga wurde unter der Regie von Trainer Peter Vollmann
problemlos absolviert, man hatte schnell den Eindruck, dass hier
wieder eine eingespielte Mannschaft entsteht . Neue Fangruppen
organisierten sich, junge Anhänger konnten dazu gewonnen werden
– selbst in der Tristesse der Oberliga. Trotz der
Viertklassigkeit konnte man sich mit dem Verein identifizieren, es
gab schnell wieder Hoffnung auf bessere Zeiten.
Ob das in der kommenden Saison nach dem Total-Crash wieder
gelingt? Nach dem sportlichen Zusammenbruch ist nun zunächst das
Auseinanderbrechen der Fangemeinde unbedingt zu verhindern. Dabei
kann es sicher helfen die Frage zu beantworten, was
identifikationsstiftend sein kann. Sinnfreie
Zweitligaträumereien gehören definitiv nicht dazu,
vielleicht eher ein wenig mehr Ehrlichkeit, Bodenständigkeit und
Realitätssinn. Packen wir es an. Damit Holstein (wieder) rockt.
Auch in der Regionalliga.
Zum Spiel der beiden norddeutschen Traditionsclubs gibt es indes
wenig zu sagen. Für den VfL geht es um alles, für die KSV
um nichts. Hatte der Autor bis vor wenigen Wochen noch auf eine
Revanche für das fatale 3:2 der Osnabrücker vor drei Jahren
gehofft, so ist ihm das Ergebnis mittlerweile scheißegal. Und
auch für die Kieler Auswärtsfans dürfte die
Zielvorgabe beim Aufstiegsanwärter und heimstärksten Team
der 3. Liga realistischerweise eher Vollsuff statt Holstein-Sieg
lauten.
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