Autor: n.h.
Wer bei Holstein ein Haar in der Suppe finden möchte, der findet dort eine ganze Perücke. Von der Aufbruchstimmung nach dem Aufstieg ist derzeit, zwei Monate vor dem Saisonende, nichts mehr zu spüren. Zumindest für das anhaltende Winterwetter lässt sich keine Schuld bei Funktionsträgern und Spielern der KSV finden. Wobei der blau-weiß-rote Anhang auch bei diesem Thema staunt, dass am vergangenen Samstag die unterklassige, ehemalige Konkurrenz von der Trave auf heimischen Boden gegen Hertha II spielen konnte, während das Mittwoch-Heimspiel gegen Braunschweig abgesagt wurde und die KSV kurzfristig nun in Jena antreten darf. Aus Braunschweig oder vom kommenden Heimgegner aus Dresden muss man sich Sprüche anhören, dass wir einfach zu blöd wären, einen Platz bespielbar zu bekommen. Immerhin sorgt die minimalistische vereinseigene Berichterstattung auch zu diesem Thema dafür, dass es in der Gerüchteküche und Spekulationsbörse Holsteinforum auch ohne Spiele nie langweilig wird.
Und sonst?
Ex-Holstein-Testspieler Tore Gundersen macht nun beim direkten Ligakonkurrenten Dynamo seinem Vornamen alle Ehre. Marco Stier, vor einem Jahr als junger Hoffnungsträger gefeiert, wurde suspendiert und man darf rätseln, ob es sich um einen neuen "Fall Lindemann" handelt, wo ein schwieriger, aber höchst talentierter Spieler dann woanders aufblüht, oder ob Stier maßlos überschätzt wurde. Eventuell auch von sich selbst.
Und überhaupt: Das "Kerngeschäft" eines Fußballclubs ist neben dem Sportlichen die Identifikation der Anhänger mit einem Verein. Sei es über identitätsstiftendes, authentisches Personal, die soziale und kulturelle Verwurzelung in der Region oder eben auch über sportliche Erfolge. Bei letzterem haben es derzeit die Anhänger des 1. FC Heidenheim besonders einfach: Der Aufsteiger klopft mit vergleichsweise bescheidenen Mitteln derzeit an der Tür zu Liga 2, während man in Kiel außer Sprachregelungen und Ausreden wenig an Erklärung geboten bekommt, warum man tabellarisch zwei Etagen tiefer spielt.
Und das Personal: Bundesligaprominenz wurde mit viel Trara als Heilsbringer verpflichtet und teils mit noch mehr Trara wieder entlassen, erfolgreiche, aber "unglamouröse" Trainer wie Vollmann oder Fröhling mussten sich vom Acker machen oder wurden zurück ins zweite Glied geschickt. Und dann noch die Personalie Thomforde: Ein fachlich unzweifelhaft fähiger Torwarttrainer wird nach jahrelanger guter Zusammenarbeit (auch mit dem jetzigen Trainer Wück) wegen einer vereinskritischen Äußerung geschasst, die von der Öffentlichkeit allenfalls am Rande wahrgenommen wurde. So siehts jedenfalls aus für Außenstehende.  Auch zum kotzen: Jenaer Torjubel im Hinspiel.
Verwurzelung in der Region? Die KSV ist der einzige in einer nationalen Liga spielende Fußballclub aus dem windigen Land zwischen den Meeren, das mitunter auch zu Skandinavien dazugerechnet wird. Was nicht nur ein sogenanntes "Alleinstellungsmerkmal" ist (erfolgreiche Handballvereine gibts hier wie Sand am Meer), sondern auch auf eine gute Sauerstoffversorgung in den Gehirnwindungen des hier lebenden Menschenschlages schließen lässt. Manch Entscheidung, aber auch manch eine Marketingaktion der letzten Jahre wie die blinkenden Plastik-Herzen, lassen die interessierte Öffentlichkeit eher auf rheinische Traditionen schließen. KSV. KarnevalSVerein.
Und dann ist da noch das 1:6 gegen Bremen. Der Schreiber hatte das große Glück, 2000km Luftlinie entfernt am frühlingshaften Bosporus statt an der winterlichen Weser zu weilen. Gut 200 Holsteinfans hatten weniger Glück. Wenn sich selbst gutmütige Peace-and-love-Hippie-Fans nach einem Spiel stinkesauer über die dargebotenene Leistung der eigenen Farben äußern, muss es wohl richtig übel gewesen sein. Einige Anhänger wollten nach dem Spiel zum Mannschaftsbus, da die Mannschaft nicht zum Zaun in die Kurve kam und wurden nicht vorgelassen. Daraus entstand das Angebot von Vereinsseite, dass sich Mannschaft und Fans am Montag im Holsteiner zu einer Aussprache treffen würden. Recht kurzfristig und aus dritter bzw. zweiter Hand erfuhren die KSV-Fanbeauftragten, dass der Termin dann auch wirklich stattfinden würde.
Treffen mit der Mannschaft im Holsteiner ...
Und tatsächlich: Die gesamte (!) Mannschaft inklusive Funktionsteam - minus Stier - war da. Fans zahlenmäßig eher weniger. Das Gespräch nahm aus Sicht mancher Fans vielleicht auch eine etwas andere Richtung als gedacht, denn ausgekotzt haben sich in erster Linie die Spieler und nicht die Fans. Die Mannschaft, für die zunächst Massimo Canizzarro sprach, setzte sich aufgrund ihrer "peinlichen" Leistung in Bremen selbst auf den Pott. Es wurde aber auch erklärt, warum man als Mannschaft geschlossen nicht in die Kurve zum Zaun gekommen sei: Die Unterstützung der Fans sei der Mannschaft sehr wichtig, aber bereits nach dem 0:2 Rückstand sei man von den eigenen Fans als "Absteiger" beschimpft worden und einzelne Spieler, namentlich Fiete Sykora und Alexander Nouri (kurz nach dessen Einwechslung) unter der Gürtellinie niedergemacht worden. Tim Jerat: "Wenn Einzelne beleidigt werden, dann reagieren wir als Gruppe". Von Fanseite in diesem Punkt durchaus Selbstkritik, dass man teilweise über das Ziel hinausgeschossen sei. Andererseits habe man eine gewisse Wertschätzung seitens der Mannschaft vermisst, dass man an einem Mittwochabend bereit sei, die Mannschaft auswärts zu unterstützen.
Relativ schnell war der "offizielle" Teil der Aussprache abgeschlossen. Fans, Verantwortliche & Spieler blieben größtenteils aber noch länger bei Gesprächen sitzen. In sportlicher Hinsicht gibt es wenig Erhellendes von diesem Abend zu berichten, z.B. wie man ein Spiel so vergeigen kann wie das gegen Werder II. Dass die aktuellen Holstein-Spieler "arrogant" seien, wie woanders behauptet, kann der Schreiber nach wie vor so nicht bestätigen. Und manch eine Stammtischforderung u.a. in den Kommentaren auf kn-online.de, einfach die komplette Mannschaft auszutauschen, mag zwar irgendwie auf auf einer Wellenlänge mit obskuren Entscheidungen in der Vergangenheit sein. Dass man sich aber eine komplette Mannschaft irgendwo (Holland?) für ein paar Monate least, um den Klassenerhalt zu sichern, wäre dann aber selbst für Holsteiner Verhältnisse überraschend.
Kurzum: Wer gerne lau badet, sollte bekanntlich lieber Bayern- oder HSV-Fan werden. Und wer den Klassenerhalt will, der muss eben DIESE Mannschaft unterstützen.
An die Mannschaft danke für die offenen Worte. Aber einen Tipp noch: So richtig gut auskotzen kann man sich auf dem Platz und elf gelbe Karten kommen im Abstiegskampf besser an als keine. Einfach Jena mit 3:1 weghauen und gut is.
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