Autor: n.h.
Auswärts in Lübeck ist immer ein besonderes Highlight, mal im Positiven, mal im negativen Sinne. Einzige Konstante war vielleicht in den letzten Jahren das vermutlich grauenerregendste Placebo-Bier der nördlichen Hemisphäre, das im Gästeblock "serviert" wird. Gerne erinnert man sich an die Übernahme der Tabellenführung und Flugzeugchoreo beim 0:3 im Herbst 2005, andererseits war die umgekehrte Demütigung durch den 2:1-Sieg der Lübecker Bubis in der letzten Saison auch nicht gerade von schlechten Eltern. Wobei man sich als Holsteinfan zusätzlich gehörig fremdschämen musste, weil ein paar Spinner auf dem Spielfeld die blamable Leistung der Mannschaft noch toppten.  Es muss kein rauschender Sieg werden (hier SHFV-Pokal '08) - drei Punkte reichen! Auch dieses Jahr steht das Landesderby unter besonderen Vorzeichen: Ein geradezu inflationärer öffentlicher Output von Anti-Gewalt und Fairness-Aufrufen, als würden einige wenige Unbelehrbare einen Bürgerkrieg auslösen können. Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für Blau-weiß-rot ganz einfach nur um drei weitere Punkte im Aufstiegskampf geht. Und da muss man leider nach leidvoller Erfahrung der letzten Saison und auch in Anbetracht von Kieler Verletztenmisere und sportlich solider Leistungen der Lübecker in den letzten Wochen sagen: Ein Selbstgänger ist das nicht!
Auf Kieler Seite werden Rohwer, Hoffmann, Guscinas und Nouri fehlen, außerdem sind Einsätze von Wulff und Großöhmichen fraglich. Eventuell kann Michael Holt wie gegen Sachsen Leipzig nach langer Verletzungspause auf einen Kurzeinsatz hoffen und ein Liga-Comeback von Pechvogel Jan Sandmann ist theoretisch auch möglich (und wäre auch zu gönnen); außerdem wurde Stephen "Fantomewo" Famewo beim Training der ersten Mannschaft gesichtet, könnte also dem Lübeck-Spiel wie gegen Wolfsburg II zumindest von der Auswechselbank zuschauen.
Keine optimalen Vorraussetzungen für einen rauschenden Auswärtserfolg oder ein Holsteiner Spiel, das Schönheitspreise gewinnt: Die Devise heißt eher "Augen zu und durch", bzw. "Hinfahren, drei Punkte holen, tschüss sagen, wieder nach Hause fahren". Sollte diese Rechnung so aufgehen, würde man den temporären Liebesentzug für die zeitlich seeeehr unglückliche Äußerung des Kapitäns Sven Boy in den Lübecker Nachrichten, dass er gerne in Lübeck geblieben wäre, zur Bewährung aussetzen. Aber vielleicht werden auch die üblichen Schimpfkanonaden von der alten Holztribüne auf der Lohmühle schon reichen, um dem Kapitän diese etwas merkwürdigen Gedankengänge auszutreiben.
In diesem Sinne tippt der Schreiber, dass auch am kommenden Montag jeder Holsteinfan die Aussage "Boy, Du F..." spontan mit "Fußballgott" vervollständigen wird und niemandem die Holztribünen-Variante in den Sinn kommen wird. Denn Holstein wird mit einem hässlichen 0:1 den Teil Eins der "Mission Aufstieg" erfolgreich abschließen. Zudem hofft der Schreiber, dass die teilweise unverantwortliche und schlampige Presseberichterstattung nicht im Sinne einer Self-Fulfilling-Prophecy genau die Vollpfosten abseits des Spielgeschehens anlockt, die man vordergründig meinte mit soetwas abschrecken zu können.
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