Ein bisschen Kieler Sozialromantik zum Saisonstart
7. Aug 10
Autor: n.h. Es wäre eine glatte Lüge, wenn der Schreiber behaupten würde, er hätte die KSV jeden Tag der Sommerpause vermisst. Der Frust über den sang-, klang- und kampflosen Abstieg saß einerseits tief. Andererseits bot der Sommer auch fantastische Ablenkungen. So denkt man bei Temperaturen um die 30 Grad an Bord eines Fördedampfers auf dem Weg nach Möltenort mit Blick auf die kleiner werdende Silhouette der Landeshauptstadt, dass man doch in einer geilen Stadt lebt. Hätte man noch anschließend diese Szenerie aus blühenden Hagebuttensträuchern am Fördewanderweg, Segelbooten und halbstarken "Brückenspringern", die an den Anlegern der Fördeschifffahrt das Sommerloch der Kieler Nachrichten stopften, fotografiert und als Postkarte mit "Saluti dal Lago di Garda " verschickt: Der Beschiss wäre wohl erst mit Blick auf die fehlende italienische Briefmarke aufgefallen. Und auch die junge deutsche Nationalmannschaft wusste in der Sommerpause unter maßgeblicher Beihilfe von Kevin-Prince Boateng für sich zu begeistern. Wobei der Unterhaltungswert der gesamten Veranstaltung, die man teilweise bei wohlriechenden Tieropferungen in einem Süd-Kieler Schreberdschungel ohne Event-Generve miterlebte, durch die kläglichen Auftritte von Frankreich oder besonders Italien nicht unbedingt geschmälert wurde. Das grausige Getröte hat man derweil fast schon wieder vergessen.
So war es dann fast schon wie eine lästige Pflicht, bei Hitze das erste Testspiel der KSV in Kiel, gegen den Wiker SV, zu besuchen. Was sich im Endeffekt eher als Werbung für die Wiker erweisen sollte.
Man war doch ganz schön am fremdeln, als man dieses Team der "No-Name-Milchbubies" zum ersten Mal für blau-weiß-rot auflaufen sah, während das Gesicht der KSV in den letzten Jahren von "gestandenen Kerlen" wie Dmitrjius Guscinas, Sven Boy oder Peter Schyrba geprägt war. Das Spiel selbst: Absolut grotte. Manch ein Beobachter hielt danach sarkastisch einen neuen Masterplan für das Jahr 2012 - "Holstein sechstklassig" - für realistisch.
Unterschiedliche Bilder ...
Der Pokalkick in Todesfelde: So lala. Der Fünftliga-Aufsteiger in der ersten Halbzeit absolut ebenbürtig, in Halbzeit zwei aber offensichtlich konditionell überfordert. Der 1:6 Endstand vermittelt den etwas falschen Eindruck, dass Holstein eine Liga besser gespielt hätte, was über 90 Minuten gesehen nicht der Fall war.
Und dann kam das Santander-Spiel im Holsteinstadion: Es gibt bei den Simpsons, Staffel 9, Episode 13 ("In den Fängen einer Sekte") diese Szene, wo Homer durch einen Tropfen frisch gezapftes Bier aus der Hand von Reverend Lovejoy ("Unsere Gebote bestätigen, dass Bier nichts Böses ist") von den Folgen einer Gehirnwäsche befreit und wieder "normal" wird. So in etwa war es, nach mehrmonatiger Abstinenz wieder zwischen den Rentnern und all den anderen Bundestrainern im Block zu stehen und ein Bier in der Hand zu halten, selbst wenn es nur ein Warsteiner war, und den Jungs auf dem Rasen zuzuschauen, die beste Unterhaltung boten. Definitiv hatte da doch was in der Sommerpause gefehlt. Auch wenn man das vielleicht noch nicht ganz mit Deutschland gegen Argentinien vergleichen kann. Vielleicht passiert da etwas, mit dem man sich zumindest auf dem Platz wieder identifizieren kann?
So liegt Thorsten Gutzeit wohl richtig mit seiner im Rahmen des erstmals in der neuen Geschäftsstelle stattfindenden Pressegespräches am Freitag gegebenen Einschätzung, dass wegen des Santander-Spiels mehr Neugierige den kurzen Trip nach Norderstedt unternehmen werden, um den Holsteiner Start in die Regionalliga Nord gegen den kleinen HSV zu verfolgen.
... mit gleicher Aussage (Testspiel gegen Racing Santander)
Was die Saison bringen wird? Beim Fanabend war von manchen Spielern ein wenig forsch das Wort "Aufstieg" als Zielsetzung zu hören. Der Trainer sprach auch am Freitag davon, unter die ersten fünf kommen zu wollen, wobei er die Auffassung vertrat, dass die Fans eher mal eine Niederlage verzeihen, wenn sie merken, dass die Mannschaft "alles in die Waagschale" gelegt habe und der Gegner einfach besser war. "Wir wollen bei den Fans verlorenes Terrain wiedergewinnen". Im Endeffekt macht es aber auch gar keinen Sinn mehr, Prognosen im Fußball abzugeben, wenn sich letztlich achtarmige Meeresfrüchte als die besten Experten erweisen.
Eines ist aber sicher, was die neue Saison angeht: Es gibt endlich wieder ein schönes Feindbild, nachdem man als Großkotz-, bzw. Großgötz-KSV zuletzt selbst zum Feindbild bzw. zur Lachnummer wurde. Und dieses schöne neue Feindbild sind selbstverständlich nicht die "alten Freunde" aus der zwischen Hamburger Stadtrand und ehemaliger Zonengrenze liegenden Gemeinde oder irgendwelche lästigen Zweitvertretungen, sondern das nach Leipzig exportierte Süßplörren-Investment aus Österreich. Und da mag Andreas Geidel in der Freitags-KN auch alle, die RB Leipzig scheiße finden, als der "Kaste der Sozialromantiker" zugehörig bezeichnen: RB Leipzig ist nun einmal scheiße und in diesem Fall ist der Schreiber auch gerne Sozialromantiker.
Denn im Gegensatz zum sentimalen Mäzenatentum des Software-Milliardärs oder dem seit Jahrzehnten in der Region präsenten Automobilkonzern hat dieses Konstrukt mit dem, was man am Fußballsport und Fankultur faszinierend findet, garnichts mehr zu tun. Brot und Spiele für die Entwurzelten und Blöden, die gestern vielleicht noch ein Schlager-Revival oder eine Big-Brother-Nominierung feierten, heute den Fußballfan mimen und morgen vielleicht völlig authentisch in Massen original Kieler Alm-Gaudis - sponsored by Müllermilch - begehen.
Sollte die finanziell klamme nordelbische Kirche auf die Idee kommen, die Nikolaikirche aus Geldgründen an sechs Tagen in der Woche an LIDL zu verpachten: Natürlich könnte man etwaige Kritik daran als ewiggestrige Sozialromantik bezeichnen, da die Kirche sicherlich auch jetzt schon gewissen kommerziellen Zwängen unterliegt und die Sonntagsmesse ja zwischen Kühlregal, Mitarbeiter-Überwachungskamera und Aktionssortiment weiterhin stattfinden könnte. Aber würde man die treuen Gläubigen nicht doch ein wenig damit vor den Kopf stoßen? Letztlich ist es doch so: Während die Gläubigen mit ein wenig Stil der für sie wichtigsten Sache der Welt, nämlich dem lieben Gott "Dankeschön" zu sagen, nachgehen wollen, wollen treue Fußballfans eben auch angemessene, stilvolle und halbwegs faire Rahmenbedingungen, bei denen das Runde ins Eckige geht. Und da darf sich der Konzern, der mit seinem überteuerten Taurin-Gesöff im Windschatten des Techno-Hypes Anfang der 90er groß geworden ist, mitsamt seiner Leipziger Kapitalanlage gerne zum Teufel scheren.
Während diese Zeilen geschrieben werden, hat das drittschlechteste Auswärtsteam der Vorsaison, Türkiyemspor Berlin, auswärts ein Unentschieden gegen Red Bull geholt. Wie sagte unter Beifall auch der neue Trainer so schön beim Fanabend: "Geld alleine schießt keine Tore". Die Saison fängt doch schon mal ganz viel versprechend an. Vielleicht ist "Jugend forsch", das Team aus der geilsten Stadt der Welt, ja auch noch für die eine oder andere Überraschung gut. Es muss ja nicht gleich eine Revolution sein, wie sie die Kieler Sozialromantiker 1918 veranstalteten, als sie den Kaiser vom Acker jagten.
Fürs erste tut es auch ein Dreier gegen den HSV.